Okt
19
Filed Under (Allgemeines, MagdeWiki, deutsch) by yodahome on 19-10-2009
Das MagdeWiki Logo

Das MagdeWiki Logo

Am letzten Donnerstag ist das Stadtwiki Magdeburg ein Jahr alt geworden. Das Projekt wurde am 15.10.2008 eigentlich relativ spontan gestartet und ist in einem Jahr auf 455 Artikel angewachsen, die mit derzeit 321 Bildern ergänzt werden. Wir haben die Absicht, relevante Information über, um und aus Magdeburg zu sammeln, die für die Wikipedia keine Relevanz haben. Unsere Artikel stehen unter einer Creative Commons Lizenz und können unter Angabe der Quelle anderweitig verwendet werden.

Anlässlich des Jahrestages haben wir eine Rundumerneuerung gemacht. Die Software wurde erneuert, wir haben einen neuen Server und auch der optisch Auftritt wurde überarbeitet. Besonders stolz sind wir auf unser neues Logo, dass wir im Rahmen eines Wettbewerbes aus 10 Vorschlägen ausgewählt haben.

Das schöne Wetter des Sommers hat wohl dazu geführt, dass sich eher weniger neue Artikel ins Wiki verirrt haben, aber wir hoffen, dass mit den verregneten Herbsttagen nun doch die Lust wieder steigt, dem eigenen Verein, der Firma oder einer Sehenswürdigkeit einen Artikel  im Wiki zu widmen.

Zusätzlich planen wir einen neuen Bereich einzuführen, in dem Zeitzeugen persönliche Erlebnisse mit geschichtlicher Relevanz einstellen können, ohne dabei auf die Anforderungen achten zu müssen, die für normale Lexikonartikel gelten. Auf diversen Veranstaltungen, auf denen ich das Projekt schon vorstellen konnte und in Gesprächen ist mir immer wieder großes Interesse an der Idee des Regional- und Stadtwikis begegnet und ich glaube, wir sind trotz einiger Widerstände immer noch auf einem guten Weg. Selbst auf Spiegel Online taucht das Thema schon auf und es gab unlängst das erste RegioWiki Camp an der Fachhochschule Furtwangen, zu dessen Besuch ich leider keine Zeit hatte. Die Zukunft für RegioWikis sieht also sehr interessant aus, da sollte das MagdeWiki keine Ausnahme machen.

Wir brauchen euch! Falls ihr Fragen zum Projekt MagdeWiki habt oder euch beteiligen möchtet (dafür gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, auch wenn ihr keine Artikel schreiben wollt), dann gibt’s Infos im Wiki oder ihr mailt an jens(at)magdewiki.de .

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Aug
13
Filed Under (Allgemein, Allgemeines, blog, blog announcement, deutsch) by yodahome on 13-08-2009
Altes Layout- Wech!

Altes Layout - Wech!

Eigentlich ist es ja schon ein bissl spät für den Frühjahrsputz, trotzdem habe ich mich kurzentschlossen an die komplette Erneuerung meines geliebten – wenn auch durchaus vernachlässigten – Blogs gemacht. Das alte System war nach und nach doch sehr langsam geworden und mein Theme ging mir mittlerweile auch auf die Nerven. Also komplett neues Wordpress installiert, überflüssige Plugins rausgeworfen oder bessere gesucht, alte Posts importiert, neues Theme gesucht (weil K2 im Grunde keinen Vorteil mehr bietet und unnötigen Bauchspeck darstellt) – et Voilá!!
Nachteil ist, ich muß das Thema demnächst auch für mein Wiki umsetzen (des einheitlichen Looks wegen).

Und weil es albern wäre, nicht gleich neuen Schnickschnack einzubauen, wenn ich denn schon mal am Basteln bin, unterstützt mein Blog jetzt auch [Tataaah] Google Friend Connect. Klingt komisch, ist aber so. Außerdem möchte ich noch auf das Amazon MP3 Widget hinweisen, dass ich jetzt immer mit Lieblingsmusik bestücke (persönlich, nix automatisch). Die kann man dann übrigens auch online erwerben, besonders wenn man mir was Gutes tun möchte. :-)

Update: Ich hoffe, ich habe alles mitgenommen, was irgendwie für den Blog wichtig war. Falls ihr irgendwo Fehler oder Ungereimtheiten bemerkt, die nicht auf den Autor zurückzuführen sind, bitte mit Mails werfen. Danke!

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Jul
21
Filed Under (Allgemeines, deutsch, life, thoughts) by yodahome on 21-07-2009

Endlich ein paar Tage Urlaub. Da das Semester durchaus stressig war, glaube ich mir die paar Tage Ruhe durchaus verdient zu haben. Eine der typischen Urlaubstätigkeiten sind Bücher, ich habe meine Zeit in das überaus erleuchtende Buch “Gestatten: Elite” von Julia Friedrichs investiert. Mehr aus Zufall als aus Absicht bin ich bei uns im (Buch-)laden – dort arbeite ich neben der Uni – auf das Buch gestoßen, so wie meistens war das ein absoluter Glücksgriff.

Das Buch begleitet die Journalistin Julia Friedrichs, die mit 25 Jahren ein Jobangebot von McKinsey ausschlägt um herauszufinden, was wir heutzutage unter Elite verstehen, wer das eigentlich ist und warum der Begriff derzeit solch eine fulminante Renaissance erlebt.

Ohne zuviel aus dem Buch vorwegzunehmen, denn ich möchte die Lektüre dem geneigten Leser meines Blogs durchaus ans Herz legen, möchte ich einige Kernpunkte aufgreifen.

Zunächst mal wird versucht den Begriff Elite zu definieren. Dazu besucht die Autorin diverse Bildungseinrichtungen in Deutschland und außerhalb (Internate, Privatunis etc.), die sich selbst vollmundig als Elitezentren bewerben und deren Absolventen demnach wissen sollten, warum sie die Elite stellen. Es zeigt sich schnell, dass es sich um einen höchst diffusen Begriff handelt, der eine weite Ebene aufspannt unter die man nahezu alle gewünschten Kriterien versammeln kann. Zunächst mal wird über die Leistung argumentiert. “Wer mehr leistet, hat mehr verdient. Wer mehr leistet, darf mehr bestimmen.” Die Eliten legitimieren ihre Sonderstellung primär damit, dass sie länger und härter arbeiten, mehr Verantwortung übernehmen. Durch die Gespräche wird aber klar, der Großteil der besuchten Eliteschmieden hat neben der Leistung ein weiteres, häufig nicht weniger bedeutendes Zugangskriterium: Geld. So wird im Verlauf deutlich, dass es eher die Oberschicht ist, die ihre Kinder auf Sprachschulen für Säuglinge, in luxuriöse Schlossinternate und auf private Wirtschaftsschulen fernab der restlichen Welt  schicken kann, weil man von Hartz IV keine 10000 € Schulgeld stemmen kann und weil es kaum Möglichkeiten gibt, die finanziellen Hürden zu umgehen. Mal ganz abgesehen, dass man in einer Gruppe wohlsituierter Jugendlicher eh immer herausstechen wird. Man könnte zunächst annehmen, dies seien alles Klischees, und selbst die Autorin gibt zu, dass sie bis zu ihren Recherchen nicht wirklich an die Existenz dieser Parallelwelt geglaubt hat. Und doch stellt sie fest:

”[..]Mir ist klargeworden, dass in Deutschland eine gewaltige Eliten-Revitalisierungskampagne läuft. Der Satz ‘Wir brauchen wieder Eliten’ ist inzwischen so oft gesagt worden, dass ihn fast niemand mehr hinterfragt. Inzwischen hat man die zweite Phase der Kampagne gestartet. Die Phase der Realisierung. Kindergärten, Schulen und Universitäten versprechen, dass sie diese Eliten, die wir angeblich brauchen, ausbilden. Eltern überweisen Geld, damit ihre Kleinen dazugehören. Gebühren für den Kindergarten, für die Schule, das Internat, den Karrierecoach und die Uni. Wenn man die zusammenzählt, kommt man auf mindestens 300 000 Euro. Die sollte jedes Elternpaar für die Finanzierung eines solchen Elitebildungswegs beiseitelegen. Es wachsen Menschen heran, die vor allem eines lernen: Euer Platz ist unter den Gewinnern. Ihr dürft die wichtigen Posten in der Gesellschaft übernehmen. Ihr seid Elite.”

Den Rest (also beispielsweise mich), der sich nicht den Leistungskriterien unterordnet, keine regelmäßigen 16 Stundentage absitzt und nicht zu McKinsey will, nennen sie Niedrigleister und meinen damit, wenn wir nur wollen würden, könnten wir das auch erreichen, kämen wir auch in den – für mich fragwürdigen – Genuss von höherer Bildung, höherem Einkommen und elitärer Lebenssicherheit. Tatsächlich aber haben sich die meisten Elitisten nicht unbedingt die Position erarbeitet, in der sie sich als Elite sehen. Das widerspräche auch meinem Weltverständnis, denn die Welt halte ich für ein chaotisches System, dass nur sehr eingeschränkt unserer Kontrolle unterliegen kann und letztendlich sind nicht alle, die viel leisten, automatisch auf der Siegerstrasse.

Besonders die Moderne, und darin sind sich Theoretiker wie Sennett, Bauman oder Giddens wohl einigermaßen einig, mit ihren fragmentierten Lebensläufen, Brüchen mit langgehegten Traditionen und der Auflösung beziehungsweise Neuordnung raumzeitlicher Verhältnisse, bietet viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten als Menschen jemals gegenüberstanden, viele Abzweigungen auf dem Lebensweg aber eben auch immer weniger Dinge, auf die man vertrauen kann – Verlust der ontologischen Sicherheit – und folglich auch mehr Chancen zu Scheitern. Die Oberschicht konstruiert für ihre Nachfahren etwas, dass die Moderne eigentlich aufgelöst hat: die lineare Biografie über feste Stationen in die anhaltende Vollbeschäftigung und den garantierten Wohlstand. Und einen Führungsanspruch. “Leader” nennt man das heute, und meint dasselbe. Aber der Satz “Natürlich, mein Leader!” ist historisch noch nicht so negativ belegt. Realisiert wird das offenbar durch gezielte Vernetzung. So sind nicht nur die Leistungen sondern die Ehemaligen, Altschüler, Alumni etc. also die Zugehörigkeit zur Gruppe entscheidend für die Zukunftschancen. Und das gilt scheinbar unabhängig vom politischen Lager und in nahezu allen Organisationen, auch den NGOs. Da kann man natürlich sagen: Ja, so ist es halt.

Spätestens seit die Vernetzung vor allem im WWW explizit und sichtbar gemacht wird (Stichwort Soziale Netzwerke) wird wohl vielen klar, wie wichtig diese Netzwerkbildung und -nutzung in vielen gesellschaftlichen Bereichen schon längst ist. Freunde, Kollegen, Geschäftspartner – unser soziales Netz ist ein wichtiger Teil unserer Identität und bestimmt sehr stark unseren Handlungspielraum. Das ein Netzwerk – die selbsternannte Elite eben -, welches sich nur selbst repliziert und ansonsten nach außen abgrenzt, aber eben daraus einen Führungsanspruch ableitet ist ein Gedanke, den wir eigentlich mit der Aufklärung und der französischen Revolution abgelegt haben sollten und der sich mit der Idee der Herrschaft des Volkes so wie ich sie verstehe gar nicht verträgt. Und so kommunizieren auch einige Interviewte sehr klar ihre Überzeugung, dass sie führende Positionen in der Gesellschaft übernehmen wollen und zwar ganz klar außerhalb des geltenden politischen Systems und ohne Rücksicht auf den Rest, weil der sie bei der Weltneuordnung eher behindere. Kaum einer der auftauchende Charaktere stellt sich eine klassische politische Karriere vor. Viel mehr haben Beratungsfirmen wie eben McKinsey und andere, in denen sich die neue Elite längst versammelt und Konzepte für nahezu jeden Bereich der Politik und Verwaltung entwickelt, schon heute direkten Einfluss auf die Politik und damit ganz konkret auf unsere Leben, ohne dass wir sie dazu legitimieren können würden und wohl auch ohne nachvollziehbare und transparente Prozesse. Wäre ich Pessimist, würde ich befürchten, dass unsere Demokratie allmählich unterminiert wird und sich ein neuer Adel (oder Klerus) auf die Herrschaft vorbereitet.

Ich gehe auf eine staatliche Universität, was mich offenbar per Definition aus der Elite aussschließt. Zudem ist die Uni Magdeburg auch keine der neuen Elite-Unis. Zum Glück, wie ich finde. Aber wir beschäftigen uns mit imho wichtigen Fragen, zum Beispiel der Frage, wie die Welt von morgen aussehen könnte und was wir heute tun können, um uns nicht nur darauf vorzubereiten sondern sie mitzugestalten. Ein demokratisches Bildungssystem sollte, schon um die Demokratie selbst zu erhalten, für jeden Menschen die Bildung bereitstellen, die er, unabhängig von sozialem Rang und finanzieller Ausstattung der Eltern, benötigt. Das schließt durchaus besondere Unterstützung für besondere Begabungen ein. Reichtum ist keine solche Begabung, Vitamin B meiner Meinung nach auch nicht.

Es überkommt einen beim Lesen auch hin und wieder ein Unwohlsein ob des Engagements und des Fleißes, den junge Menschen dort offenbaren. Es ist die leise Angst, dass man selbst doch nicht genug leistet, sich zu viele oder zu ausgedehnte Pausen gönnt. Ich halte mich selbst durchaus nicht für außergewöhnlich strebsam und tendenziell wohl eher faul. Ich habe mein Abi mit 2,2 und meinen BA nach 8 statt 6 Semestern mit 1,5 gemacht. Oh, und ich hatte vier Semester Fehlstart. Nebenbei arbeitete ich auch immer (also für Geld). Sicherlich nicht schlecht, aber ein 16-Stunden-Tag oder eine 7-Tage-Woche gehören bei mir – Gott sei Dank – nicht zur Regel. Ich liege auch nicht faul rum, aber nicht alles, was ich tue, dient unmittelbar einer Karriere oder nur einem konkreten Zweck. Und vieles von dem, was ich tue, läßt sich oft eher schwierig monetarisieren. Trotzdem möchte ich dass nicht zum bestimmenden Faktor in meiner Lebensplanung erheben. Muss ich mich fürchten, von einer Gruppe, die sich selbst als das Ultimum begreift, abqualifiziert zu werden?

Das klingt jetzt vorsätzlich sehr überspitzt und genau so wirkt auch der Schluß des Buches, aber trotzdem sollten wir uns fragen. Meine Hoffnung ist, dass bei all den Unvorhersehbarkeiten, die die Zukunft mit sich bringt, auch die selbsternannte Elite irgendwann ins Schwimmen gerät. Das materieller Reichtum, wenn er nicht von der Mehrheit der Erdbevölkerung bessessen wird, schlicht und einfach irgendwann kein Maßstab einer globalen Gesellschaft mehr sein kann. Das man die Leute mit Argumenten überzeugen muß, um die Welt zu verändern, und sie nicht einfach dem Leader folgen.  Das klingt vielleicht utopisch, aber das klang ein Flug zum Mond vor 50 Jahren auch noch und dieser Tage feiern wir dessen 40. Jahrestag.

Das Buch liest sich gut weg, bleibt aber doch im Hinterkopf. Möglicherweise ist das Szenario, welches dort gezeichnet wird, sehr einseitig und auch durch die – unverblümt offen kommunizierte – eher kritische Grundhaltung der Autorin beeinflusst. Aber es soll auch lediglich eine Diskussion anregen, die scheinbar nicht geführt wird. Und letztendlich steht ja allen Widerstreitern frei, eigene Argumente und Definitionen des Begriffes “Elite” einzubringen. Auch in Form eines Bestsellers, wenn’s sein muß.

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Sep
29
Filed Under (deutsch, story, writing) by yodahome on 29-09-2008

Nachdem ich nun in der letzten Woche den finalen mündlichen Teil meiner Bachelorprüfung erfolgreichen abgeschlossen habe – Glückwünsche werden dankbar entgegengenommen – habe ich die gewonnene Freizeit genutzt, um vorhandenes Material zu sichten und mal wieder etwas Fiktives zu schreiben. Basierend auf Notizen, die ich auf der Rückfahrt aus dem Urlaub vor ein paar Wochen gemacht habe, konnte ich in nicht mal zwei Tagen eine Kurzgeschichte aus dem Boden stampfen, die ich im Folgenden auch verblogge. Ich hoffe, ich bin noch nicht zu sehr aus der Übung.

Viel Spaß, ich freue mich auf Feedback.

Unter Zeitdruck

Ein ganz normaler Tag im Büro

“Wo ist Narius”, hallte es durch die Hallen des Großraumbüros. Ich wachte auf von meiner Mittagspause und stieg aus der Ruheschale, um zu meinem Schreibtisch zurückzukehren.

Narius hatte sich diese Zeitmaschine gekauft. Jetzt war er schon seit Wochen damit beschäftigt, Ereignisse in seinem Leben zu ändern, die seiner Meinung nach falsch gelaufen waren. Er sah seine Lifelogs durch und markierte alle Zeitpunkte, bei denen er sein Verhalten ändern wollte. Zunächst ohne große Vorbereitung sprang er dann dorthin und händigte seinem vergangenen Ich – er nannte ihn den “Früheren” – Notizkarten mit Anweisungen für bestimmte zukünftige Situationen aus. Nach denen, so dachte er, würde er sich schon richten und es hatte bei den ersten paar Malen auch bestens geklappt, aber dann stellte sich heraus, dass er sich selbst offenbar nicht so gut kannte oder sich zumindest nicht mehr sehr gut an sein Selbst erinnern konnte und so hatte es immer intensivere Diskussionen mit seinem Alter Ego gegeben, weil er es hasste von sich selbst ins Handwerk gepfuscht zu bekommen.
Mittlerweile, so hatte Narius an einem Abend in der Bar platt berichtet, nahm er die Karten kommentarlos von sich selbst entgegen und überarbeitete sie einfach heimlich, was natürlich überalbern war, hinterher wußte er es ja eh, er konnte sich beim besten Willen nicht selbst betrügen, dass ließ schon die Software nicht zu.
Das war aber egal, solange die Änderung der Vergangenheit die erwünschten Erfolge brachte. War das nicht der Fall, wiederholte er die Prozedur einfach. Immer und immer wieder.
Er doktorte in der Tat solange an einem Ereignis herum, bis er zufrieden oder aber endlos frustriert war und entnervt aufgab. Genau so stand es auch in der 12000-seitigen Bedienungsanleitung im 120. Kapitel mit dem Titel “Nutzungsphilosophien”. Hier wurde eindeutig davon abgeraten, zu intensive Eingriffe an der eigenen Zeitlinie vorzunehmen, diese würde von der Garantie nicht abgedeckt.

Für dieses Spielchen ging viel Echtzeit drauf, denn auch wenn der Zeitsprung für den Rest der linearen Welt kaum ein paar Sekunden währte, für Narius waren es lange und oft strapaziöse Reisen, manchmal trieb er sich Tage in der Vergangenheit herum. Den Rest der Zeit, die er nicht arbeitete, schlief er meist oder simulierte Zeitlinien. Wir, also seine Freunde und Kollegen, bekamen ihn kaum noch zu Gesicht. Und jetzt war er auch nicht zur Arbeit erschienen. Er büßte offenbar immer mehr von seiner Selbstständigkeit ein. Klar, immerhin hatte er sein Leben lang Anweisungen von sich aus aus der Zukunft erhalten. Erst in der letzten Woche hatte er sich selbst wieder einmal bei einem Date beeinflusst, dass vor 12 Jahren mehr als nur schief gelaufen war. Worum genau es dabei gegangen war, hatte er nicht erzählt, aber offenbar hatte es sein Frauenbild massiv beeinflusst und war demnach zu einem bestimmenden Kriterium bei der Auswahl weiblicher Beziehungen geworden, die sich letztendlich regelmäßig als wenig zufriedenstellend entpuppten. Tagelang hatte er Dialoge ausgetüftelt und mit diversen Laiendarstellerinnen und ehemaligen Freundinnen die Situation geprobt, um die Auswirkungen einschätzen zu können und immer wieder rechnete er die Chancen auf eine veränderte Zeitlinie durch.
Etwa sechs mal war er dann am selben Tag durch die Zeit gereist und hatte seinem Früheren quasi einen Roman an Notizen übergeben, lange Diskussionen geführt, aus denen beide ein Konsenspapier entwickelten, dass letztendlich für die Situation verwendet werden sollte. Ziel sollte es sein, dass Narius entlastet von diesem traumatischen Ereignis zukünftig glücklichere Beziehungen haben sollte, vielleicht sogar Andauernde. Wir hatten auch alle gehofft, dass er dann endlich mit diesem Zeitreisequatsch aufhören würde. Noch bevor er das Ding besaß, hatte er uns erzählt, wie man damit tolle Wochenendausflüge in die Renaissance oder an das Ende des letzten Jahrtausends machen könnte. Das er so eine Besessenheit entwickeln würde, hätte hier keiner gedacht.

Oft hatte er schon darüber geschimpft, dass sich seine Eltern für eine dieser altmodischen Naturgeburten entschieden hatten. Das Wort Natur läßt hier allerdings einen leicht irreführenden Eindruck entstehen, tatsächlich ging die Geburt nicht im Wortsinne natürlich von statten, es wurden zahlreiche genetische Veränderungen vorgenommen, um ernsthaften Krankheiten vorzubeugen und die üblichen Erweiterungen vorzunehmen, zum Beispiel die genetische Verkürzung der Schwangerschaft auf 3 Wochen, die heute allgemein üblich – weil einfach weniger schmerzhaft für die Mutter – war. Allerdings hatten seine Eltern auf weitergehendes genetisches Design komplett verzichtet. Kein vorimplantiertes Wissen, keine verbesserte Sinneswahrnehmung, keine Wachstumsbeschleuniger. Narius war nun 29 Jahre alt und sah tatsächlich aus wie 29. Das war auch in der Firma schon immer ein Kuriosum gewesen. Und es hatte ihn immer geärgerte, er fühlte sich deswegen wohl ausgegrenzt.

Ziemlich geschafft kam Narius dann am späten Abend von seinem letzten Meeting zurück und legte sich erwartungsfroh aber erschöpft in die Falle.
Als er am nächsten Morgen aufwachte fühlte er sich schon ganz wohl, aber spürte noch keine deutlich definierbare Veränderung. Er kam in die Firma, war überaus entspannt. Tatsächlich plauderte er enthemmt mit diversen Mitarbeitern in der Mittagspause und ging abends auch noch mit in die Bar, was er sonst sehr selten tat. Erst als er am nächsten Morgen neben Charles aus der Buchhaltung aufwachte, wurde ihm klar, dass er aufgrund seines Eingriffes in die Vergangenheit offenbar die Fronten gewechselt hatte. Sein Neurochip hatte die Aufzeichnung seiner Heterovergangenheit zur Gewöhnung einige Zeit blockiert, nun war es ihm aber bewusst und es gefiel ihm kein bißchen. Wir haben noch alle versucht, ihn davon zu überzeugen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, aber letztendlich erschien ihm das nicht zu seinem Charakterbild zu passen, dass er online von sich entworfen hatte und das Grundlage für die zahlreichen temporalen Eingriffe war.
Er war dann überstürzt aufgebrochen, sicherlich wollte er durch eine weitere Zeitreise diese Veränderung wieder aufheben. Das war gestern Abend und heute war er dann nicht zur Arbeit gekommen.

Ich aktivierte mein Neurointerface und versuchte ihn zu erreichen, leider erfolglos. Dann hackte ich seine Logs und stellte fest, dass er in der Tat vor 6 Stunden abermals einen Zeitsprung gemacht hatte. Seit diese ganzen Zeitmaschinen zum Trend geworden waren, hatte man alle Neurointerfaces mit diesem Zeitrahmenbackup ausgrüstet, damit Veränderung anderer persönlicher Zeitlinien nicht ungefiltert durchgereicht wurden, denn das würde das Gehirn bis zur Schmerzgrenze belasten. Ich studierte also meine Diff-Liste und stelle fest, dass meine Erinnerung an Narius nur noch auf dem Backup existierte. In der realen Welt war Narius vor 12 Jahren ermordet worden, erstochen mit einem silbernen Dreizack. So einen hatte ich Narius letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt, er hatte immer eine Schwäche für maritime Devotionalien gehabt, obwohl er sich sonst gar nicht so sehr für Geschichte interessierte. Ich versuchte noch weitere Informationen über den Vorfall abzurufen, mußte dann aber wichtige Steuerunterlagen vorziehen, die in dreizehn Minuten fällig waren.

Der virtuelle Chronometer schlug an, es war Zeit für meine Nachtruhe. Es war gar nicht Nacht, aber die Überwachung meiner Biowerte, der Hirnwellen und alles ließ das Interface immer den perfekten Zeitpunkt und die nötige Dauer für eine Ruhephase ermitteln. Ich schob mich an der Schlange vor dem Kaffeeautomaten, der eigentlich natürlich gar keinen Kaffee mehr ausschenkte sondern mehr der Kommunikation diente, vorbei in die Ruhehalle und die Kapsel brachte mich zur nächsten freien Schale.

Als ich 5 Stunden später wieder erwachte und ins Büro kam, saß Narius an seinem Schreibtisch und sah gerade seine Mails durch. Ein kurzer Check seines Lifestreams zeigte, dass er vor drei Stunden als Clon wiedererweckt worden, dann vor Gericht wegen vorsätzlichen Mordes zu einer Arbeitsstrafe von 150 Jahren verurteilt worden war und diese Strafe in sein Neuroprofil eingespielt bekommen hatte, mit allen Erinnerungen, als hätte er die Strafe tatsächlich selbst erlebt. Weil es ein temporales Vergehen gewesen war, hatte ihn das Gericht außerdem zu 100 Stunden bei den anonymen Zeitreisenden verdonnert, seine Zeitmaschine durfte er aber behalten.

Am selben Abend lud Narius die Bürogemeinschaft ein. Wir reisten in das Jahr 1943 und bekämpften die Nazis auf Seiten der französischen Resistence. Die meisten wollten unbedingt an die Waffen und metzelten drauf los, ich hingegen hielt mich im Hintergrund am Funkgerät. Irgendwie machte mich der Gedanke traurig, dass diese Leute sich nicht aus Klonen wiederbeleben lassen konnten. Narius blieb ebenfalls zurück und organisierte den Nachschub. “Hoffentlich wird nächste Woche nicht auch so stressig”, sagte er zu mir. “Ich befürchte doch”, antwortete ich. “Nächste Woche kommen die Steuerfachunterlagen der nächsten Generation.” Das würde sicher ein Haufen Arbeit werden, dachte ich bei mir.