Jun
15

Jaja, eigentlich wollte ich den zweiten Teil schon viel früher fertig schreiben. Aber was lange währt, wird endlich fertig. Viel Freude!

17 Tage nach Auferstehung

Teamwork! Hätte ich viel eher drauf kommen können. Wenn meine Texte nicht gut genug sind, warum soll ich sie selbst verfassen? Sind doch genug talentierte Jünger da, also hab’ ich heute verkündet, ich möchte gerne, dass jeder der schreiben kann, ein Evangelium verfasst. Über mein Leben. Hauptsächlich. Da kam Johannes gleich von wegen “Bäh, wie langweilig.” und “Wo bleibt die künstlerische Freiheit?”. Hab’ dann gemeint, da kann ruhig jeder selbst was draus machen, sich was einfallen lassen und interpretieren. “Überrascht mich!” Als Beispiel hab’ ich dann noch die Geschichte vom See Genezareth erzählt. Da bin ich ja mal voll aus dem Boot gefallen, weil wir alle mächtig einen im Tee hatten. “Nun stellt euch mal vor, da wäre ein mächtiger Sturm gewesen oder so. Da kann man doch was draus machen! Seid mal kreativ! Überhöht das Ganze ein bißchen!” Johannes hat wieder den Vogel abgeschossen: “Na, was zum Beispiel. Das du über’s Wasser läufst?” Alle haben gelacht, aber im Nachhinein dachte ich: Gar nicht mal so übel. Vater steht ja auf solche Sachen. Ich wollte es gleich twittern, musste dann aber feststellen, dass wir Twitter ja erst in 1977 Jahren geplant haben. Schon doof, wenn man so gar kein Zeitgefühl hat. Mal schauen was draus wird.

20 Tage nach Auferstehung

Zeit für Musik! dachte ich heute früh und fing an ein paar Songtexte für das Christentum zu schreiben. Besondere Herausforderung, denn sie sollten Ohrwurmqualitäten haben, müssen aber in viele Sprachen übersetzbar sein, wie die Evangelien auch. Babylon sei Dank… Habe jetzt was auf Hebräisch und Latein. Um die Musik kümmere ich mich aber nicht, Vater hat gesagt, dafür hätte ich wenigstens Klavierstunden haben müssen. Abgesehen davon ist das zu sehr vom Zeitgeist abhängig. Meint er auch. Naja, bastele noch an ein paar Texten für Requiems – hab’ ‘Pie Jesu‘ gestern Johannes gezeigt, er meinte das hat Hitpotential – und dann kämpfe ich mich mal an was Modernes vor, mir schwirrt da was im Kopf herum wie “Rock my soul” oder “He’s got the whole world in his hands”. Überlege, ob’ ich den Aposteln sagen soll in die Evangelien auch ein paar Songtexte einzubauen, so wie die Psalmen, aber weniger “in the face”. Schließlich soll uns die Geschichte ja auch in tausend Jahren noch einer abnehmen.

30 Tage nach Auferstehung

Hab’ heute die Apostel in die Spur gesetzt, von wegen predigen und taufen und so. Wollte fast eine flammende Rede anstimmen, aber die hebe ich mir lieber für die Himmelfahrt auf. Dann hab’ ich mir sechs Jünger beiseite genommen und sie wegen der Evangelien instruiert. Hab’ letztendlich entschieden, wir werden einfach mehrere Leute schreiben lassen und gucken was dabei rauskommt. Im Grunde eine Art Casting, wenn man so will. Aber wenn man gar keinen Input gibt, scheinen sie auch ein bissl denkfaul zu sein. Also habe ich gesagt, ich rezitiere noch mal ein paar Statitionen meiner Reisen. Wie ich Aussätzige heile beispielsweise. Haben sich auch alle fleissig Notizen gemacht, allerdings hab’ ich immer ein bissl das Gefühl, dass die auch untereinander abschreiben. Vor allem Markus, Lukas und Johannes. Matthäus ist auch ein bissl faul. Ich hoffe aber, die lassen sich auch selbst was einfallen. Auch damit die Historiker und Theologen später schön dran zu knabbern haben. Vater sagt, je uneindeutiger wir das schreiben, desto größer wird der Spaß. Ist ein bißchen wie ein chaotisches Pendel, wenn es richtig anstellt, kann nach ein paar Bewegung keiner mehr voraussagen, was als nächstes passiert. Ansonsten werden wir morgen ein Brainstorming machen, wir brauchen noch ein Symbol für das Christentum. Ich hab’ ein paar Designer und natürlich Jünger zum Brunch eingeladen, mal schauen was wir uns so einfallen lassen. Ich mach jetzt noch eine Mindmap, damit ich nichts vergesse. Viel Zeit ist ja nicht mehr. Immer dieser Termindruck! Das nervt…

33 Tage nach Auferstehung

Ein Kreuz!! Ausgerechnet das will er. Wir haben jetzt zwei Tage lang die aberwitzigsten Symbole gedanklich durchgespielt, ein Dreieck, wegen der heiligen Dreifaltigkeit. Einen Fuss auf dem Wasser – die Idee kam von Johannes, er schreibt ernsthaft eine Geschichte für das Evangelium, wo ich über’s Wasser gehe – Stilisierte Weintrauben, wegen der Wasser-zu-Wein-Story. Wir hatten alle geometrischen Formen und Kombinationen, wir hatten Farbstreifen und allen möglichen Kram, einiges war gar nicht so schlecht. Aber Vater will unbedingt das Kreuz. Weiß gar nicht wer die Idee hatte, aber weil ich ja gekreuzigt wurde und so, wäre das ja wohl naheliegend und es wäre so schön einfach herzustellen. Kann man auch schnell mal aus zwei Hölzern zimmer (Josef wird sich freuen). Und schön einfach zu malen, schreiben und zeichnen. Da könnte man schöne Merchandisingartikel mit machen. Einfaches aber starkes Design, blah, blah. Ich fand’s dröge, wir haben uns dann aber geeinigt, dass ich auch dranhängen darf. Das stimmte mich dann doch Milde, immerhin bin ich dann sowas wie ein Rockstar, posthum. Überall werden die Leute mich sehen, dass ist schon eine tolle Aussicht. Vater hat gesagt übermorgen wird er mir seine Planung für die nächsten 200 Jahre schicken, nur damit ich es im Hinterkopf habe für meine große Rede. Na dann Prost…

35 Tage nach Auferstehung

Mein Gott (*g*), hat er sich ganz schön reingehangen, muß man sagen. Respekt. Action ist ziemlich viel drin, “Kreuzzüge” hat er das genannt und diverse Glaubenskriege. Und einen ganzen bürokratischen Apparat hat er auch entwickelt, Papst, Kardinäle, Bischöfe und was weiß ich nicht. Und viele meiner Vorschläge hat er auch eingebaut, es wird eine Spaltung der Kirchen geben im zweiten Jahrtausend und da kommen dann meine Ideen unter. Da wird es mehr um die Gemeinde gehen, viele der Traditionen werden abgebaut und auch die Bürokratie. Cool, sogar die Ideen der anderen Konfessionen hat er mit eingebaut. Reichlich Auswahl für die Menschen, ich hoffe das reicht für ein paar tausend Jahre. Denn so bald möchte ich eigentlich so ein Brimborium nicht veranstalten. Und Vater wohl auch nicht. Wir überlegen schon, wie wir die freie Zeit nutzen. Ich habe vorgeschlagen wir könnten ja mal Leben in anderen Sternensystemen erschaffen. Da hat er aber nur mit den Augen gerollt.

38 Tage nach Auferstehung

Heute große Party! Yeah, wir treffen uns nachher zum allerletzten Abendmahl. Werde dort allen erklären, was sie machen sollen. Ein letztes Mal. Und in zwei Tagen dann werde ich nach Hause fahren. Ich wollte einfach verschwinden, still und leise. Aber Vater hat schon eine Choreografie ausgearbeitet, mit Spezialeffekten und was er immer so drauf hat. Wenn’s denn sein muss. Die Aufgaben sind so gut wie verteilt, ich hoffe nur die kriegen’s auch alle hin. Ansonsten werde ich heute abend noch mal den “weltlichen” Freuden fröhnen, wer weiß, wann ich dann wieder dazu komme. Vater und ich haben uns noch was Feines für nach meiner Himmelfahrt ausgedacht. “Pfingsten” wird es heißen und wir werden allen “Christen” ein bißchen heiligen Geist schicken. Ich dachte  – eher so als Purist – wir machen das ohne großes Aufsehen, aber Vater will wieder ein Feuerwerk entfachen. Naja, soll er doch. Ich muß ja nicht dabei sein, ich mache da schon Urlaub auf Alpha Centauri. Manchmal ist es schon cool, Gottes Sohn zu sein.

40 Tage nach Auferstehung

Puh, was eine Auftritt. Vater hat wirklich ganze Arbeit geleistet. Engel flogen aus einer brennenden Wolke hernieder und breiteten eine Decke aus Wolken aus, auf der ich dann langsam emporstieg. Die Apostel haben ihre Münder nicht wieder zugekriegt. Und ich habe ihnen zugerufen: “Ich bin am dritten Tag auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel.
Ich sitze zur Rechten des Vaters und werde wiederkommen in Herrlichkeit zu Richten die Lebenden und die Toten; meiner Herrschaft wird kein Ende sein.” Hatte mir lange überlegt, ob das nicht zu dick aufgetragen ist. Aber was solls, das macht dann auch nichts mehr. Ich bin fertig, ich brauche Urlaub.

Und hier noch ein bißchen interessante Lektüre zum Thema:

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Feb
27
Filed Under (Allgemeines, computer, deutsch, games) by yodahome on 27-02-2009
Image via Wikipedia

Nun ja, ich habe diesen neuen PC (das wäre durchaus auch noch einen Blogeintrag wert #notiert) und das bedeutet, dass ich einige Spieletitel, für die meine Hardware bislang nicht zugänglich war, endlich mal ausprobieren konnte. Und da hab’ ich dieses hier nach kurzem Anspielen gleich selbst erworben: Assassin’s Creed. Dabei handelt es sich essentiell um ein Jump’n'Run in 3D. Im Jahre des Herrn 1192 kontrolliert man den Assassinen Altair, dessen Aufgabe es ist Menschen umzubringen. Die ‘Killerspiel’-Fraktion darf dann jetzt mit lesen aufhören, sonst wird das Bild womöglich zu differenziert. Alle weg? Gut.

Das Credo der Assassinen lautet so lautlos und unauffällig wie möglich vorzugehen und niemals Unschuldige zu töten. Um seinen Job zu erledigen muss man zunächst Informationen über sein Opfer sammeln und die Lage sondieren. Dazu gibt es kleine Quests wie Taschendiebstähle, Flaggen sammeln oder auch mal kleine Morde unter Freunden. Hauptwaffen sind dabei Schwert, Messer und dergleichen. Die Devise lautet: Nicht erwischen lassen! Im Grunde wie im richtigen Leben, ist einem sofort die Stadtwache auf den Fersen, wenn man bei einem Verbrechen beobachtet wurde. Dann muss man so schnell wie möglich außer Sichtweite laufen und in Heuballen oder inmitten einer Gruppe Menschen untertauchen, bis sich alle wieder beruhigt haben (was zum Glück meist nicht länger als 10 Sekunden dauert).

Der eigentliche Clou sind aber die wunderschönen Klettereinlagen. Um die Umgebung zu erkunden (wo beispielsweise Quests sind und um bedrohte Bürger auszumachen) muss man in diversen mittelalterlichen Städten wie Damaskus und Jerusalem Türme und andere hohe Gebäude erklimmen um dort seinen Adlerblick schweifen zu lassen. Das sich Altair an fast jedem Vorsprung festzuhalten vermag, kann man beinahe jede Wand oder Mauer im Spiel beklettern, was sich auch bei der Flucht oder beim allgemeinen Durchstreifen der Städte sehr gut macht und einem auch visuell ein tollen Blick ermöglicht. Zwischendurch darf man dann noch das Umland auf dem Rücken eines Pferdes durchstreifen um von A nach B zu kommen, mit jedem neuen Mordauftrag rückt man so immer mehr einer eigenartigen Verschwörung auf die Pelle. Um was es sich dabei handelt, weiß ich selbst noch nicht, denn so weit habe ich noch nicht gespielt. 

Assassin's Creed - Turm

Die Rahmengeschichte für dieses Szenario erklärt die futuristische Oberfläche, denn eigentlich seid ihr nicht Altair sondern einer seiner sehr späten Nachfahren im (geschätzten) 21. Jahrhundert und werdet gezwungen euch in einem Gerät namens Animus eurer genetischen Erinnerungen an Altair gewahr zu werden. Je synchroner ihr euch zu den Erinnerungen verhaltet, desto besser. Wenn man zu stark verletzt wird, verliert man Synchronität (nicht etwa Lebenspunkte) und fliegt quasi aus dem Simulator. So erklären die Macher mehr oder weniger glaubwürdig die zahlreichen Hilfen wie eine digitale Karte, farbige Markierungen im Bild, das HUD und dergleichen, die es so im Mittelalter eben nicht gegeben haben kann. Spannend ist das allemal, wenngleich das auch ein bissl konstruiert wirkt, so als ob die Entwickler hier noch eine Schicht Story eingezogen haben, um mehr Distanz zum eigentlichen Inhalt zu schaffen. (Warum würde man das wollen?)

Erfüllter Auftrag - auch das Erklimmen der Türme ist ein explizites Spielziel

Erfüllter Auftrag - auch das Erklimmen der Türme ist ein explizites Spielziel

Wie auch immer, nach etwa 15 Stunden spielen, muss ich feststellen, dass das alles sehr viel Spass macht und sehr detailliert umgesetzt wurde. In weiten Teilen lässt das Spiel offen, wie aggressiv/gewaltätig man sich verhalten will, lediglich einzelne Quests und die Hauptziele des Assassinen muss man tatsächlich töten, ansonsten kann man das sehr wohl vermeiden und im Zweifel einfach weglaufen. Das ist nicht feige, sondern Teil des Spielprinzips und damit schon fast ein mutiges Features.
Die Grafik ist sehr schön anzusehen (siehe auch den HD  Trailer) und zusammen mit dem Sound wird eine sehr schöne Atmosphäre geschaffen, die zumindest vom Gefühl her dem Mittelalter sehr nahe kommt. Das muss deswegen hervorgehoben werden, weil ja viel zu viele Hersteller von Unterhaltungssoftware selbiges von ihren Produkten behaupten und das häufig zu Unrecht. Bei Assassin’s Creed wird das Hinsehen aber schlichtweg nicht langweilig. Und wenn man sonst gar keine Lust hat dem Spiel zu folgen, kann man einfach ein paar Sprünge über die Dächer von Damaskus machen, immer dem Sonnenuntergang entgegen oder mal eben den höchsten Turm der Stadt erklimmen, nur der Aussicht wegen. Nach meiner Meinung sind es diese Freiheiten, die einen erst richtig in die Welt versetzen. Außerdem zeigt es, dass die Designer richtig Arbeit in die Details gesteckt und keine Angst haben müssen, wenn der Spieler alles genau unter die Lupe nimmt. Eine gewisse Ähnlichkeit zu der “Prince of Persia“-Reihe, die sich ebenfalls durch sehr flüssige Bewegung und Gymnastikeinlagen auszeichnet, ist nicht zu leugnen, immerhin stammt es vom selben Hersteller. Da freut es zu hören, dass ein Sequel schon in der Mache ist (siehe Link am Ende).

Insgesamt bekommt Assassin’s Creed von mir den Daumen hoch (79 von 100 Punkten bei metacritics). Es ist durchaus ein Spiel für zwischendurch, denn die Aufträge sind schon relativ abwechslungsarm und man muß nicht groß umdenken, wenn man einen Auftrag erledigt hat. Die Vehemenz des Widerstandes durch die Wachen nimmt im Laufe des Spieles zu, allerdings auch die eigenen Fähigkeiten und so sieht man sich eigentlich immer einer realistischen Herausforderung gegenüber. Die Motivation kommt für mich aus der Inszenierung + spannender Story + tolles, sauberes Gameplay, da können sich andere Spiele was abgucken. Nach Super Mario Galaxy ist Assassin’s Creed ein tolles Jump’n'Run für die Großen (in D ab 16 freigegeben, PEGI ab 18) und momentan auch zum Budgetpreis erhältlich, so dass eigentlich kein realistischer Grund existieren dürfte, es nicht zu kaufen.

Assassin’s Creed ist für PC, XBOX360 und Playstation 3 erschienen.

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Sep
29
Filed Under (deutsch, story, writing) by yodahome on 29-09-2008

Nachdem ich nun in der letzten Woche den finalen mündlichen Teil meiner Bachelorprüfung erfolgreichen abgeschlossen habe – Glückwünsche werden dankbar entgegengenommen – habe ich die gewonnene Freizeit genutzt, um vorhandenes Material zu sichten und mal wieder etwas Fiktives zu schreiben. Basierend auf Notizen, die ich auf der Rückfahrt aus dem Urlaub vor ein paar Wochen gemacht habe, konnte ich in nicht mal zwei Tagen eine Kurzgeschichte aus dem Boden stampfen, die ich im Folgenden auch verblogge. Ich hoffe, ich bin noch nicht zu sehr aus der Übung.

Viel Spaß, ich freue mich auf Feedback.

Unter Zeitdruck

Ein ganz normaler Tag im Büro

“Wo ist Narius”, hallte es durch die Hallen des Großraumbüros. Ich wachte auf von meiner Mittagspause und stieg aus der Ruheschale, um zu meinem Schreibtisch zurückzukehren.

Narius hatte sich diese Zeitmaschine gekauft. Jetzt war er schon seit Wochen damit beschäftigt, Ereignisse in seinem Leben zu ändern, die seiner Meinung nach falsch gelaufen waren. Er sah seine Lifelogs durch und markierte alle Zeitpunkte, bei denen er sein Verhalten ändern wollte. Zunächst ohne große Vorbereitung sprang er dann dorthin und händigte seinem vergangenen Ich – er nannte ihn den “Früheren” – Notizkarten mit Anweisungen für bestimmte zukünftige Situationen aus. Nach denen, so dachte er, würde er sich schon richten und es hatte bei den ersten paar Malen auch bestens geklappt, aber dann stellte sich heraus, dass er sich selbst offenbar nicht so gut kannte oder sich zumindest nicht mehr sehr gut an sein Selbst erinnern konnte und so hatte es immer intensivere Diskussionen mit seinem Alter Ego gegeben, weil er es hasste von sich selbst ins Handwerk gepfuscht zu bekommen.
Mittlerweile, so hatte Narius an einem Abend in der Bar platt berichtet, nahm er die Karten kommentarlos von sich selbst entgegen und überarbeitete sie einfach heimlich, was natürlich überalbern war, hinterher wußte er es ja eh, er konnte sich beim besten Willen nicht selbst betrügen, dass ließ schon die Software nicht zu.
Das war aber egal, solange die Änderung der Vergangenheit die erwünschten Erfolge brachte. War das nicht der Fall, wiederholte er die Prozedur einfach. Immer und immer wieder.
Er doktorte in der Tat solange an einem Ereignis herum, bis er zufrieden oder aber endlos frustriert war und entnervt aufgab. Genau so stand es auch in der 12000-seitigen Bedienungsanleitung im 120. Kapitel mit dem Titel “Nutzungsphilosophien”. Hier wurde eindeutig davon abgeraten, zu intensive Eingriffe an der eigenen Zeitlinie vorzunehmen, diese würde von der Garantie nicht abgedeckt.

Für dieses Spielchen ging viel Echtzeit drauf, denn auch wenn der Zeitsprung für den Rest der linearen Welt kaum ein paar Sekunden währte, für Narius waren es lange und oft strapaziöse Reisen, manchmal trieb er sich Tage in der Vergangenheit herum. Den Rest der Zeit, die er nicht arbeitete, schlief er meist oder simulierte Zeitlinien. Wir, also seine Freunde und Kollegen, bekamen ihn kaum noch zu Gesicht. Und jetzt war er auch nicht zur Arbeit erschienen. Er büßte offenbar immer mehr von seiner Selbstständigkeit ein. Klar, immerhin hatte er sein Leben lang Anweisungen von sich aus aus der Zukunft erhalten. Erst in der letzten Woche hatte er sich selbst wieder einmal bei einem Date beeinflusst, dass vor 12 Jahren mehr als nur schief gelaufen war. Worum genau es dabei gegangen war, hatte er nicht erzählt, aber offenbar hatte es sein Frauenbild massiv beeinflusst und war demnach zu einem bestimmenden Kriterium bei der Auswahl weiblicher Beziehungen geworden, die sich letztendlich regelmäßig als wenig zufriedenstellend entpuppten. Tagelang hatte er Dialoge ausgetüftelt und mit diversen Laiendarstellerinnen und ehemaligen Freundinnen die Situation geprobt, um die Auswirkungen einschätzen zu können und immer wieder rechnete er die Chancen auf eine veränderte Zeitlinie durch.
Etwa sechs mal war er dann am selben Tag durch die Zeit gereist und hatte seinem Früheren quasi einen Roman an Notizen übergeben, lange Diskussionen geführt, aus denen beide ein Konsenspapier entwickelten, dass letztendlich für die Situation verwendet werden sollte. Ziel sollte es sein, dass Narius entlastet von diesem traumatischen Ereignis zukünftig glücklichere Beziehungen haben sollte, vielleicht sogar Andauernde. Wir hatten auch alle gehofft, dass er dann endlich mit diesem Zeitreisequatsch aufhören würde. Noch bevor er das Ding besaß, hatte er uns erzählt, wie man damit tolle Wochenendausflüge in die Renaissance oder an das Ende des letzten Jahrtausends machen könnte. Das er so eine Besessenheit entwickeln würde, hätte hier keiner gedacht.

Oft hatte er schon darüber geschimpft, dass sich seine Eltern für eine dieser altmodischen Naturgeburten entschieden hatten. Das Wort Natur läßt hier allerdings einen leicht irreführenden Eindruck entstehen, tatsächlich ging die Geburt nicht im Wortsinne natürlich von statten, es wurden zahlreiche genetische Veränderungen vorgenommen, um ernsthaften Krankheiten vorzubeugen und die üblichen Erweiterungen vorzunehmen, zum Beispiel die genetische Verkürzung der Schwangerschaft auf 3 Wochen, die heute allgemein üblich – weil einfach weniger schmerzhaft für die Mutter – war. Allerdings hatten seine Eltern auf weitergehendes genetisches Design komplett verzichtet. Kein vorimplantiertes Wissen, keine verbesserte Sinneswahrnehmung, keine Wachstumsbeschleuniger. Narius war nun 29 Jahre alt und sah tatsächlich aus wie 29. Das war auch in der Firma schon immer ein Kuriosum gewesen. Und es hatte ihn immer geärgerte, er fühlte sich deswegen wohl ausgegrenzt.

Ziemlich geschafft kam Narius dann am späten Abend von seinem letzten Meeting zurück und legte sich erwartungsfroh aber erschöpft in die Falle.
Als er am nächsten Morgen aufwachte fühlte er sich schon ganz wohl, aber spürte noch keine deutlich definierbare Veränderung. Er kam in die Firma, war überaus entspannt. Tatsächlich plauderte er enthemmt mit diversen Mitarbeitern in der Mittagspause und ging abends auch noch mit in die Bar, was er sonst sehr selten tat. Erst als er am nächsten Morgen neben Charles aus der Buchhaltung aufwachte, wurde ihm klar, dass er aufgrund seines Eingriffes in die Vergangenheit offenbar die Fronten gewechselt hatte. Sein Neurochip hatte die Aufzeichnung seiner Heterovergangenheit zur Gewöhnung einige Zeit blockiert, nun war es ihm aber bewusst und es gefiel ihm kein bißchen. Wir haben noch alle versucht, ihn davon zu überzeugen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, aber letztendlich erschien ihm das nicht zu seinem Charakterbild zu passen, dass er online von sich entworfen hatte und das Grundlage für die zahlreichen temporalen Eingriffe war.
Er war dann überstürzt aufgebrochen, sicherlich wollte er durch eine weitere Zeitreise diese Veränderung wieder aufheben. Das war gestern Abend und heute war er dann nicht zur Arbeit gekommen.

Ich aktivierte mein Neurointerface und versuchte ihn zu erreichen, leider erfolglos. Dann hackte ich seine Logs und stellte fest, dass er in der Tat vor 6 Stunden abermals einen Zeitsprung gemacht hatte. Seit diese ganzen Zeitmaschinen zum Trend geworden waren, hatte man alle Neurointerfaces mit diesem Zeitrahmenbackup ausgrüstet, damit Veränderung anderer persönlicher Zeitlinien nicht ungefiltert durchgereicht wurden, denn das würde das Gehirn bis zur Schmerzgrenze belasten. Ich studierte also meine Diff-Liste und stelle fest, dass meine Erinnerung an Narius nur noch auf dem Backup existierte. In der realen Welt war Narius vor 12 Jahren ermordet worden, erstochen mit einem silbernen Dreizack. So einen hatte ich Narius letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt, er hatte immer eine Schwäche für maritime Devotionalien gehabt, obwohl er sich sonst gar nicht so sehr für Geschichte interessierte. Ich versuchte noch weitere Informationen über den Vorfall abzurufen, mußte dann aber wichtige Steuerunterlagen vorziehen, die in dreizehn Minuten fällig waren.

Der virtuelle Chronometer schlug an, es war Zeit für meine Nachtruhe. Es war gar nicht Nacht, aber die Überwachung meiner Biowerte, der Hirnwellen und alles ließ das Interface immer den perfekten Zeitpunkt und die nötige Dauer für eine Ruhephase ermitteln. Ich schob mich an der Schlange vor dem Kaffeeautomaten, der eigentlich natürlich gar keinen Kaffee mehr ausschenkte sondern mehr der Kommunikation diente, vorbei in die Ruhehalle und die Kapsel brachte mich zur nächsten freien Schale.

Als ich 5 Stunden später wieder erwachte und ins Büro kam, saß Narius an seinem Schreibtisch und sah gerade seine Mails durch. Ein kurzer Check seines Lifestreams zeigte, dass er vor drei Stunden als Clon wiedererweckt worden, dann vor Gericht wegen vorsätzlichen Mordes zu einer Arbeitsstrafe von 150 Jahren verurteilt worden war und diese Strafe in sein Neuroprofil eingespielt bekommen hatte, mit allen Erinnerungen, als hätte er die Strafe tatsächlich selbst erlebt. Weil es ein temporales Vergehen gewesen war, hatte ihn das Gericht außerdem zu 100 Stunden bei den anonymen Zeitreisenden verdonnert, seine Zeitmaschine durfte er aber behalten.

Am selben Abend lud Narius die Bürogemeinschaft ein. Wir reisten in das Jahr 1943 und bekämpften die Nazis auf Seiten der französischen Resistence. Die meisten wollten unbedingt an die Waffen und metzelten drauf los, ich hingegen hielt mich im Hintergrund am Funkgerät. Irgendwie machte mich der Gedanke traurig, dass diese Leute sich nicht aus Klonen wiederbeleben lassen konnten. Narius blieb ebenfalls zurück und organisierte den Nachschub. “Hoffentlich wird nächste Woche nicht auch so stressig”, sagte er zu mir. “Ich befürchte doch”, antwortete ich. “Nächste Woche kommen die Steuerfachunterlagen der nächsten Generation.” Das würde sicher ein Haufen Arbeit werden, dachte ich bei mir.